Dienstag, 30. Juli 2013

Tipps für den Schlussverkauf

 

In Paris ist der Schlussverkauf eine Institution. Entsprechend gut in Form sind die Franzosen, wenn es um das Jagen von Schnäppchen geht. Aber von der FAZ-Autorin und Wahl-Pariserin Estelle Marandon kann auch lernen, wer in Deutschland lebt.
In Frankreich gibt es ihn noch: den halbjährlichen Schlussverkauf. Und damit sind nicht einfach irgendwelche Sonderangebote oder Rabattaktionen gemeint, sondern das, was in Deutschland längst abgeschafft wurde: der staatlich festgelegte Winter- oder Sommerschlussverkauf. Die Franzosen lieben ihn und halten eisern daran fest. Wie auf einen sportlichen Wettkampf bereiten sich einige Pariserinnen auf dieses Ereignis vor. Nichts wird dem Zufall überlassen. Denn in der Zeit kann man noch richtige „bonnes affaires“ machen. Nur während der „soldes“-Wochen dürfen die Händler ihre Ware nämlich mit Verlust verkaufen. Wer sich also geschickt anstellt, kann Vergünstigungen von bis zu siebzig Prozent bekommen. Allerdings - zehn goldene Regeln sollte man sich vorab schon hinter die Ohren schreiben. Mit denen dürfte man dann auch in den deutschen Läden bestens gerüstet sein. Eine Anleitung für den Einkauf im Schlussverkauf à la Parisienne:

1. Die Lage erkunden

 

Repérage lautet das Zauberwort, was so viel bedeutet wie Auskundschaften. Es ist das A und O für eine erfolgreiche Schnäppchentour. Ein paar Tage bevor der Schlussverkauf beginnt, geht man in seine Lieblingsboutiquen, um die Lage zu erkunden: Welche Teile gibt es, wie viele sind noch da, und in welchen Größen sind sie vorhanden? In der Woche vor den soldes herrscht in den Läden meistens Ruhe vor dem Sturm. Man kann also noch gemütlich stöbern, anprobieren und eine kleine Vorauswahl treffen. So verliert man am Tag der Tage keine kostbare Zeit. Wer das Kleid seiner Träume entdeckt - im typischen Fall gibt es natürlich nur noch das eine in der richtigen Größe -, kann versuchen, es in einer Ecke zu verstecken, in der Hoffnung, dass es dort niemand findet. Diese Technik ist aber äußerst selten von Erfolg gekrönt, da die Verkäuferinnen am Vortag den soldes normalerweise alles neu etikettieren und sortieren. Besser empfiehlt es sich, am ersten Tag früh den Wecker zu stellen und vor allen anderen im Laden zu stehen.

2. Inventur vornehmen

 

Nie mit leerem Magen im Supermarkt einkaufen gehen - diese Regel ist hinlänglich bekannt. Auf die soldes-Saison lässt sie sich ganz einfach übertragen. Beschäftigen Sie sich erst einmal ausgiebig und in aller Ruhe mit Ihrem Kleiderschrank, bevor Sie sich ins Schlussverkaufsgetümmel stürzen. Der eigene Fundus wird dabei radikal aussortiert. Das Ausmisten soll so idealerweise den Heißhunger auf Klamotten stillen. Außerdem verschafft man sich auf diese Weise vor dem Shoppingtrip einen guten Überblick darüber, was man eigentlich wirklich braucht - und wird feststellen: Es ist gar nicht so viel, wie man immer denkt. So verhindert man, mit Tüten voller Kleidungsstücke nach Hause zu kommen, die man in der Art ohnehin schon stapelweise im Schrank liegen hat.

3. Eine strenge Einkaufsliste führen

 

Nicht zu verwechseln mit der Einkaufsliste für den Supermarkt, die bekanntlich verhindern soll, dass man wichtige Zutaten vergisst. Mit einem Einkauf von Kleidung nach Liste behält man hingegen das Wesentliche im Auge und vermeidet unnötiges Rumtrödeln in der Unterwäsche-Abteilung, obwohl man doch eigentlich eine neue Seidenbluse kaufen wollte.

4. Den Dresscode beachten

 

Es versteht sich fast von selbst: Zum Schlussverkauf sollte man bequeme und vor allem praktische Kleidung tragen. Das heißt vor allem: flaches Schuhwerk. Am besten ohne Schnürsenkel, dann geht das An- und Ausziehen schneller. Auch Knöpfe können unter Zeitdruck lästig sein, Blusen und Hemden sollte man also lieber vermeiden. Zweckmäßigkeit steht an erster Stelle. Ideal sind Turnschuhe, Leggings und Pullover. Und ganz wichtig: ein Unterhemd für den Fall, dass die Schlangen vor den Umkleidekabinen zu lang sind. Dann kann man Kleid oder Bluse auch mal schnell so überziehen. Ja, in einer Ecke der Verkaufsfläche - wer auf Schnäppchenjagd ist, sollte nicht zimperlich sein. Auch die Wahl der richtigen Handtasche kann den Shoppingtag übrigens erleichtern. Henkeltaschen oder schwere Ledertaschen sind ungeeignet. Besser: eine leichte Umhängetasche oder sogar einen Jutesack, die gleich als Behältnisse für die anschließende Beute dienen.

5. Wettkampfzone wählen

 

Am besten sollte man in ein Viertel beziehungsweise in Geschäfte gehen, in denen man sich gut auskennt und nicht lange suchen muss. Wer besonders wenig Zeit hat, geht in Paris in die sogenannten grands magasins, sprich Printemps, Le Bon Marché oder Les Galeries Lafayette, die es übrigens auch in Berlin gibt. Von Sandro bis Chanel sind hier Marken in allen Preisklassen erhältlich, und schon vom ersten Tag an kann man Reduktionen von bis zu fünfzig Prozent erwarten. Außerdem geht man beim Kauf ein geringeres Risiko ein. In kleineren Boutiquen ist der Umtausch bei reduzierter Ware nämlich meistens ausgeschlossen. Die großen Kaufhäuser sehen das für gewöhnlich etwas laxer. Was nicht gefällt, kann man hier oft ohne Probleme umtauschen und zurückgeben.

6. Öffnungszeiten prüfen

 

Wer zur Premiere der Schlussverkaufstage als Erster den Laden betreten möchte, sollte unbedingt die Öffnungszeiten erfragen. In Paris öffnen manche Geschäfte ausnahmsweise schon um acht Uhr morgens. Andere haben abends länger auf, manchmal sogar bis 22 Uhr, damit man auch nach der Arbeit noch shoppen gehen kann und somit die überfüllten Samstage vermeidet. Um den Umsatz zu steigern, haben die großen Kaufhäuser auch am ersten Sonntag der soldes geöffnet. Wer eine sehr lange Einkaufsliste hat, nimmt in Frankreich dafür sogar einen sogenannten RTT, einen Tag réduction du temps de travail, was so viel bedeutet, wie dass man seine Überstunden geltend macht. Das lohnt sich für diejenigen, die Hamstereinkäufe für das nächste halbe Jahr planen - und davon gibt es einige.

7. Die Vorteile des Internets schätzen lernen

 

Weniger sportlich, dafür schnell vollbracht ist der Einkauf im Schlussverkauf im Internet. Bei manchen Online-Shops kann man sogar schon einen Tag vor Beginn des Schlussverkaufs seinen Warenkorb vorbereiten und muss am nächsten Morgen dann nur noch mit ein paar Mouseclicks an der Kasse bezahlen. Auch wenn man die entsprechende Größe im Laden nicht mehr findet, lohnt es sich, einen Blick auf den Onlinestore der entsprechenden Marke zu werfen. Dort gibt es oft noch einen Restbestand, selbst wenn die Waren in der Boutique schon verkauft sind. Weiterer Vorteil: Im Internet hat man in jedem Fall ein Umtausch- und Rückgaberecht von zwischen sieben und 14 Tagen.

8. Den Reiz des Neuen ignorieren

 

Frisch und hübsch gefaltet strahlt sie einem neben den Wühltischen entgegen: die neue Kollektion. Am besten man macht darum einen großen Bogen, um gar nicht erst in Versuchung zu geraten. Denn nichtreduzierte Ware sollte während der soldes tabu sein. Neue, nichtreduzierte Ware gibt es das ganze Jahr über. Jetzt geht es darum, ein Schnäppchen zu machen. In Frankreich sollte man sich übrigens auch vor Beginn der soldes nicht von Schildern mit Schriftzügen wie „promotions“, „soldes flottants“ oder „ventes privilèges“ verwirren lassen. Seit 2009 haben nämlich auch die Händler in Frankreich die Möglichkeit, außerhalb des staatlich festgelegten Schlussverkaufs Waren zu reduzieren. Allerdings dürfen sie nicht die Bezeichnung soldes verwenden und auch nicht mit Verlust verkaufen, so wie das bei den echten soldes der Fall ist.

9. Gesunden Realismus beweisen

 

Die Preise während der soldes sind verlockend. Die Gefahr ist somit groß, sich zu Fehlkäufen hinreißen zu lassen. Aber Vorsicht: Das Kleidchen in Größe 34 wird sich nicht um zwei Größen weiten, nur weil es um siebzig Prozent reduziert ist. Also Finger weg davon, auch wenn es schade ist. Gleiches gilt für zu extravagante Teile. Super Schnäppchen, aber nie angezogen, ist trotzdem eine Geldverschwendung. Die Pariserin deckt sich daher am liebsten mit Basics ein und mit echten Klassikern. Das Kleine Schwarze, ein schöner Trenchcoat, schicke Ballerinas, schlichte Stiefel aus Kalbsleder. Es geht nicht darum, möglichst wenig Geld auszugeben, sondern es an sinnvoller Stelle investiert zu haben.

10. Bis zum Schluss nicht den Kampfgeist verlieren

 

Der Pariser Schlussverkauf dauert einen ganzen Monat lang. Jede Woche gibt es neue Preisreduktionen, die sogenannten démarques. Es geht von der première, deuxième, troisième bis zur dernière démarque. Am Ende sind viele Teile bis zu siebzig Prozent günstiger. Wer also ein richtiges Schnäppchen machen möchte, wartet bis ganz zum Schluss - mit dem Risiko, dass es dann nicht mehr die richtigen Größen gibt. Aber wer ein bisschen Kampfgeist besitzt, hält bis zum Ende durch und macht dann womöglich eine echte bonne affaire.


Wer die Nerven hat, beobachtet, wie alles immer günstiger wird, und schlägt erst am Ende zu. 
Aber Vorsicht: Wenn weg, dann weg!

C’est la vie. 

                                                                Estelle Marandon